Der Kirchenraum unserer Schlosskirche, dessen Einrichtung einheitlich aus dem 18. Jahrhundert stammt, enthält ein Ausstattungsstück, das wesentlich älter ist:
Das geschnitzte Altarretabel, das am 20. September 1987 nach Salder zurückgekehrt ist und seitdem seinen Platz über dem Altar gefunden hat. Das Stück hat ein wechselvolles Schicksal; seine Geschichte ist es wert, ausführlich erzählt zu werden:
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Im Herbst 1873 besichtigten einige Mitglieder des Wolfenbütteler Vereins für Geschichts- und Altertumskunde die Kirche in Salder. Offenbar interessierten sie sich nicht nur für die Ausgestaltung des Kirchenraumes, sondern auch für die Konstruktion des Dachwerkes, sonst wären sie nicht in den Dachraum hinaufgestiegen.
Zwischen dem Gebälk halb versteckt entdeckten sie ein mittelalterliches Kreuz und Bruchstücke eines geschnitzten Altarblattes aus dem 16. Jahrhundert: "Augenscheinlich hatten diese Gegenstände schon längere Zeit an ihrem jetzigen Aufbewahrungsorte gelegen, den man ihnen ohne Zweifel bei einer größeren Kirchenreparatur in dem nicht unrichtigen Gefühle angewiesen hatte, daß sie sich zum Gebrauche für den Gottesdienst nicht mehr eigneten."
Beide Stücke hatten schon jahrzehntelang, vielleicht sogar schon seit der Fertigstellung des Kirchenneubaus, dort oben auf dem Dachboden gelagert. Die Kirchengemeinde hatte damals kein Interesse daran, doch man erkannte ihren kunstgeschichtlichen Wert. Um sie nun der Betrachtung der Sachverständigen und der Belehrung Suchenden zugänglich zu machen, äußerte der Ortsverein für Geschichte und Altertumskunde den Wunsch, die beiden Gegenstände zu übernehmen und sie in die Ausstellungsräume der Herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel zu bringen.
Die kirchliche Verwaltungsbehörde stimmte dem zu. Der Briefwechsel enthält jedoch einen entscheidenden Vorbehalt, der in späterer Zeit bedeutungsvoll werden sollte. Der Vorstand des Geschichtsvereins schrieb: "Er (der Verein) ist, um von vornherein der Schwierigkeit zu begegnen, welche möglicherweise der Erfüllung seines Wunsches sich entgegenstellen könnte, wenn die Überlassung der Sachen an ihn nicht als eine Weggabe völlig wertlos gewordenen, gewissermaßen derelinquirten Gerumpels, sondern als Veräußerung von Kirchengut angesehen würde, damit einverstanden, daß der Kirche in Salder das Eigentum an beiden Sachen vorbehalten bleibt."
Die beiden Stücke wurden somit nur als Leihgaben an den Verein abgetreten, die Kirchengemeinde blieb juristisch die Eigentümerin. Damit existierte ein rechtlicher Rahmen, der es über hundert Jahre später schließlich ermöglichte, den Schnitzaltar nach Salder zurückzuholen. Wahrscheinlich sind im Herzoglichen Museum die "Bruchstücke" des Retabels zusammengefügt und verschiedene Restaurierungsmaßnahmen vorgenommen worden. Wie lange das Stück dort verblieb und wie es die beiden Weltkriege überstanden hat, ist unbekannt. In der Nachkriegszeit war es für einige Jahre in der katholischen
St. Ägidienkirche in Braunschweig aufgestellt.
Schließlich kam es in das Depot des Herzog Anton Ulrich-Museums. Das frühgotische Hängekreuz befindet sich hingegen in der Sammlung mittelalterlicher Kunst in der Burg Dankwarderode.
Ab 1977 führte die Kirchengemeinde Salder Verhandlungen mit dem Museum mit dem Ziel, das Retabel nach Salder zurückzuholen, entweder in das Schlossmuseum oder in die Kirche. Eine große Zahl von Spenden ermöglichten eine gründliche Restaurierung.
Der Schrein wurde in der Werkstatt des Bildhauers Naumawitsch in Salzgitter-Gebhardshagen ausgebessert und ergänzt, während der Restaurator M. Lausmann in Hannoversch Münden das Relief und die Skulpturen fachgerecht konservierte und instand setzte. Der Altar war stark verschmutzt, die Farbfassung sehr schadhaft, das Holz teilweise durch Wurmfraß geschädigt. Dabei wurde festgestellt, daß bei der Restaurierung des 19. Jahrhunderts erhebliche Überarbeitungen vorgenommen worden waren.
Seit September 1987 steht das Retabel über dem Altar der Schlosskirche. Ob es dort allerdings jemals zuvor gestanden hat, lässt sich nicht klären, denn niemand weiß, ob es sofort bei der Fertigstellung der Kirche 1717 auf den Dachboden gebracht wurde oder ob dies erst zu einem späteren Zeitpunkt geschah. Mit Sicherheit stand es aber auf dem Altar der alten Vorgängerkirche, die man 1709 wegen Baufälligkeit abbrach.
Es handelt sich um einen Altarschrein mit beweglichen Flügeln, die geöffnet und geschlossen werden konnten. Üblicherweise wurden derartige Flügelaltäre nur an hohen Feiertagen geöffnet. Das übrige Kirchenjahr hindurch waren nur die Außenseiten der geschlossenen Flügel zu sehen. Gewiß trugen auch die Außenflügel dieses Retabels Gemälde mit Darstellungen von Heiligen oder biblischen Szenen, von denen hier allerdings keinerlei Spuren erhalten sind.
Das mittlere Feld des Retabels enthält ein Relief mit der Kreuzigung Christi. In die Seitenflügel sind in zwei Reihen übereinander vollplastische Figuren der zwölf Apostel eingesetzt. Feines geschnitztes Gittermaßwerk gibt allen Feldern einen oberen Abschluß.
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Das Mittelfeld zeigt einen vielfigurigen Kalvarienberg, die sogenannte "Kreuzigung mit dem Gedräng". Das Bildfeld wird waagerecht in zwei Hälften geteilt. In der oberen Hälfte erheben sich die drei Kreuze vor dem glatten, ursprünglich vergoldeten Hintergrund. Christus wird durch seine Stellung in der Mittelachse und durch seine ruhige Körperhaltung hervorgehoben und von den beiden Schachern unterschieden, die in seltsam verkrümmter Haltung an ihre Kreuze gefesselt sind. Der rechte Schacher ist nach dem Gutachten des Restaurators eine Originalskulptur, der linke dagegen eine spätere Nachbildung. Auch das Kreuz Christi ist neu.
Unter den Kreuzen drängen sich zahlreiche Personen in vornehmer, zeitgenössischer Kleidung des 16. Jahrhunderts vor einem angedeuteten Landschaftshintergrund. Bei näherer Betrachtung fügen sich diese zu mehreren Gruppen zusammen. Nicht alle Personen lassen sich namentlich benennen. Die Gruppe links im Vordergrund bemüht sich um Maria, die, kraftlos vor Schmerz über den Tod ihres Sohnes, in sich zusammengesunken ist. Johannes, dem Jesus noch vom Kreuz aus seine Mutter anvertraut hat (Joh. 19, 26-27), fängt sie mit beiden Händen an den Schultern auf. Eine ihrer beiden Begleiterinnen ist erschrocken niedergeniet und stützt den rechten Arm der Gottesmutter. Eine zweite Frau steht schräg hinter Johannes, die rechte Hand erhoben, die linke auf das Herz gepreßt. Zwei Männer beobachten die Geschehnisse aus dem Hintergrund.
Zu Füßen des Kreuzes kauert Maria Magdalena. Mit einem Arm umklammert sie den Kreuzesstamm, die andere Hand greift nach ihrem Schleier. Inmitten der Menschenmenge ist diese junge Frau allein gelassen mit ihrer Trauer. Der Kopf des gekreuzigten Christus neigt sich zu eben dieser Seite, denn hier befinden sich die Personen, die ihm nahestanden: Johannes, der als einziger der zwölf Apostel den Mut hatte, zur Kreuzigungsstätte zu kommen, seine Mutter Maria mit den Frauen aus Galiläa, die ihm nachgefolgt sind, und Maria Magdalena, die am Ostermorgen die erste Zeugin der Auferstehung werden wird (Mk. 16,9-10; Joh. 20, l-2).
Rechts unter dem Kreuz stehen drei römische Soldaten. Einer von ihnen, der in Rückenansicht gezeigt wird, hat Jesus soeben den Lanzenstich in die Seite versetzt (Joh. 19,34). In der linken Hand trägt er den Eimer mit Essig, aus dem der Sterbende zuvor zu trinken bekommen hat. Der römische Hauptmann, der erst im Moment von Jesu Tod begreift, was da geschieht, weist auf den Gekreuzigten: "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" (Mt. 27,54; Mk. 15,39).
Vorn rechts sind drei bärtige ältere Männer in eine erregte Diskussion vertieft. Die Gebetsriemen, die sie um ihre Köpfe geschlungen haben, kennzeichnen sie als fromme Juden.
Entweder ist hier die Gruppe um
Josef von Arimathia und Nikodemus gemeint, oder es handelt sich um Hohepriester und Schriftgelehrte, die Jesus vorher noch verspottet haben und sich nun die Köpfe heiß reden, was es mit dem Sterben dieses Menschen auf sich hat und wie die damit verbundenen Naturereignisse zu erklären sind - die Verfinsterung des Himmels und das Erdbeben. Der schollenartig aufbrechende Boden soll möglicherweise das Beben der Erde andeuten.
Die Bildschnitzerwerkstätten des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts besaßen gewöhnlich Sammlungen von Holzschnitten und Kupferstichen, die als Vorlagen für den Entwurf derartiger Altäre herangezogen wurden. Das damals noch relativ neue Medium der Druckgraphik erlebte in jener Zeit eine große Verbreitung. Die Werke bedeutender Künstler konnten auf diesem Wege vervielfältigt und vergleichsweise kostengünstig einem großen Publikum zugänglich gemacht werden. Beispielsweise schuf Albrecht Dürer zahlreiche Holzschnitte, Martin Schongauer hingegen bediente sich der Technik des Kupferstichs.
Inhalte derartiger Drucke konnten vollständige Szenen sein, aber auch Studien für Einzelfiguren. Daher finden sich in verschiedenen Altären aus unterschiedlichen Werkstätten oft recht ähnliche Figurentypen, Kompositionen und Details.
Insofern ist anzunehmen, dass auch für diesen Altar entsprechende Vorlagen verwendet wurden, auch wenn es bisher noch nicht gelungen ist, konkrete Vorbilder nachzuweisen. Da die Figuren sich zu ziemlich scharf voneinander getrennten Gruppen zusammenfügen, hat es wahrscheinlich nicht eine Gesamtvorlage für die ganze Szene gegeben, sondern der Entwerfer übernahm seine Motive aus mehreren Quellen.
Die Apostelfiguren stellen im linken Flügel oben Petrus,
Jakobus den Älteren und Andreas dar, darunter Matthäus, Johannes und Paulus. Im rechten Flügel stehen oben Matthias, Philippus und Bartholomäus, unten Judas Thaddäus (Jakobus der Jüngere), Thomas und Simon.
Sie alle tragen Bücher oder Schriftrollen, wodurch ihre Rolle bei der Verkündigung des Evangeliums betont wird. Statt einer zeitgenössischen Tracht sind sie mit antiken Gewändern bekleidet. Anhand eines zusätzlichen Gegenstandes, den jeder einzelne von ihnen in den Händen hält, können sie identifiziert werden.
Im Laufe des Mittelalters bildeten sich Bildtraditionen heraus, wonach die Apostel und auch andere Heilige stets mit festgelegten Attributen, die in irgendeiner Weise mit ihrer Lebensgeschichte in Verbindung stehen, dargestellt werden, so daß sie auch ohne Beschriftungen zu erkennen sind.
Petrus, der im Kreis der zwölf Jünger des öfteren als Wortführer auftritt, erhält den ersten Platz oben links. Sein Attribut ist der Schlüssel, als Anspielung auf die Worte Jesu: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein" (Mt 16,18-19).
Jakobus der Ältere wird grundsätzlich in Pilgertracht mit Wanderstab und Hut gezeigt. An den Hut hat er die Jakobsmuschel, eine Kammuschelart, gesteckt. Nach der Überlieferung hatten zwei seiner Schüler den Leichnam des enthaupteten Jakobus bei Nacht entwendet und in ein ruderloses Boot gelegt, das ein Engel vom Heiligen Land über das Meer bis nach Spanien geleitete, wo der Apostel schließlich beigesetzt wurde.
Das Grab des Jakobus in Santiago de Compostela in Nordwestspanien entwickelte sich im Hochmittelalter nach Jerusalem und Rom zu dem bedeutendste Pilgerzentrum der Christenheit. Die Muschel war das Pilgerzeichen, das alle Jakobspilger trugen.
Andreas fasst mit beiden Händen das X-förmige Kreuz, an welchem er sein Martyrium erlitten hat - das bekannte Verkehrszeichen an allen bundesdeutschen Bahnübergängen hat von daher seinen Namen.
Die Legenda Aurea, eine mittelalterliche Sammlung von Heiligenlegenden, berichtet, dass Andreas in der griechischen Stadt Patras von Christi Opfertod predigte.
Er bekehrte eine große Zahl von Menschen, darunter auch die Ehefrau des dortigen Statthalters Aegeas. Als er sich noch dazu weigerte, den heidnischen Göttern zu opfern, erregte er den Zorn des Statthalters, der ihn zur Strafe an das Kreuz binden ließ. Am Kreuz soll der Apostel noch zwei Tage lang gelebt und vor einer Menge von zwanzigtausend Menschen gepredigt haben, bevor sein Geist Richtung Himmel fuhr.
Matthäus hält die Waffe, durch die er den Märtyrertod erlitten hat, nämlich das Schwert, außerdem eine Buchrolle. Nach der Legenda Aurea wirkte Matthäus über dreißig Jahre lang in Ägypten, wo er den König und seine Familie und das ganze Volk zum Christenglauben bekehrte.
Die Königstochter Ephigenia weihte er Gott und setzte sie über eine Klostergemeinschaft von zweihundert Jungfrauen. Nach dem Tod des alten Königs begehrte der neue Herrscher, Hirtacus, Ephigenia gegen deren Willen zur Frau. Der Apostel verhinderte jedoch die Eheschließung, denn die Jungfrau galt als Braut Gottes.
Der zornige König ließ Matthäus daraufhin durch seinen Henker in der Kirche vor dem Altar von hinten mit dem Schwert niederstechen. (Nach einer anderen Überlieferung war die Mordwaffe eine Hellebarde, weshalb Matthäus auch oft mit einer solchen dargestellt wird).
Johannes der Evangelist, als Jüngster unter den Apostel bartlos, trägt in seiner linken einen Kelch. Damit ist nicht der Kelch des Heiligen Abendmahls gemeint, sondern auch dieses Symbol bezieht sich auf eine Begebenheit, die in der Legenda Aurea erzählt wird.
Als Johannes in Kleinasien missionierte, zerstörte Gott aufsein Gebet hin den Tempel der Diana in der Stadt Ephesus.
Der heidnische Oberpriester Aristodemus forderte noch weitere Beweise für die Macht des Christengottes und gab Johannes einen Kelch mit tödlichem Gift zu trinken.
Als dieser Trank dem Apostel jedoch nichts anhaben konnte und er sogar noch zwei Menschen, die kurz zuvor an demselben Gift gestorben waren, wieder lebendig machte, nahm Aristodemus den christlichen Glauben an.
Paulus gehört strenggenommen nicht zu den Aposteln, denn er ist Jesus nie persönlich begegnet. Zunächst, als er noch Saulus hieß, hatte er die Anhänger Christi mit allen Mitteln verfolgt.
Nach seiner Bekehrung in Damaskus schloß er sich der Gemeinde in Jerusalem an. Die Apostelgeschichte berichtet von seinen weiten Missionsreisen, von seiner Verhaftung und seiner Gefangenschaft in Rom.
Von seiner Hinrichtung durch Kaiser Nero wird erst in der Legenda Aurea erzählt. Da er das Bürgerrecht des römischen Reiches besaß, wurde Paulus nicht gekreuzigt, sondern mit dem Schwert enthauptet. Das Schwert, auf das sich seine rechte Hand stützt, kann zugleich symbolisch als Bezug auf die Schärfe seiner theologischen Verkündigung gedeutet werden.
Matthias, einer der 12 Jünger, wurde nach der Himmelfahrt Christi als Ersatz für Judas Iskarioth in die Gemeinschaft der Zwölf gewählt (Apg. 1,15-26).
Mit der Lanze, wie hier, wird er nur selten dargestellt; sein Attribut ist eigentlich das Beil, das Schwert oder das Kreuz, denn über die Art seines Todes wird in unterschiedlichen Versionen erzählt.
Laut Restaurierungsbericht ist die Spitze der Lanze nachträglich ergänzt, so dass die Deutung mit einem Fragezeichen versehen werden muss.
Die nächste Figur ist nicht im Original erhalten, sondern es handelt sich um einen Gipsabdruck. Da die linke Hand ergänzt ist und das Attribut fehlt, läßt sie sich nur unter Vorbehalt als Philippus identifizieren. Dessen Attribut ist der Kreuzstab, denn er soll in Asien von den Heiden gekreuzigt worden sein, so wie sein Meister, von dem er gepredigt hatte.
Die Haltung der linken Hand würde zu dem Griff um einen senkrechten Stab passen.
Bartholomäus präsentiert mit seiner Rechten ein Messer, denn sein Martyrium war ein besonders grausames. Da er sich geweigert hatte, heidnische Götter anzubeten, und die heidnischen Götzenbilder zerstört hatte, wurde ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen.
Es existieren auch zahlreiche Bartholomäusdarstellungen, in denen der Apostel eben diese Haut über dem Arm trägt.
Die erste Figur unten rechts ist nicht ganz eindeutig zu bestimmen. Dadurch, daß Paulus in die Folge der zwölf Apostel aufgenommen worden ist, mußte einer der tatsächlichen Jünger weggelassen werden, in der Regel fehlt entweder Matthias oder Judas Thaddäus.
Zudem wurden den weniger bekannten Aposteln teilweise unterschiedliche Attribute zugeordnet. Der Apostel trägt eine Buchrolle und eine Keule.
Letztere ist das Zeichen des Judas Thaddäus, des zwölften und unbekanntesten unter den Aposteln, über dessen Leben nur wenig erzählt wird. Die Keule wird jedoch auch gelegentlich mit Jakobus dem Jüngeren in Verbindung gebracht, obwohl dessen Attribut eigentlich die Walkerstange ist:
Laut Legenda Aurea ist Jakobus von den Pharisäern und Schriftgelehrten, die nicht an Christus glaubten, von der Mauer des Tempels in Jerusalem herabgestürzt, und, als er diesen Sturz überlebte und noch für seine Peiniger betete, mit der Stange eines Walkers erschlagen worden.
Wenn aber anstelle der ergänzten Lanzenspitze der Figur darüber, die als Matthias benannt wird, ursprünglich das Oberteil einer Walkerstange angebracht gewesen wäre, dann wäre jener nicht der nachgewählte Matthias, sondern Jakobus der Jüngere, und die Reihe der anfänglichen Apostel wäre wieder vollständig.
Hier zeigt sich, wie schwierig eine genaue Bestimmung solcher Figuren mitunter sein kann.
Thomas ist an dem Winkelmaß zu erkennen, welches auf seinen Beruf als Baumeister verweist. Während seiner Missionsreise nach Indien hat er, so heißt es in der Legenda Aurea, für den dortigen König einen herrlichen Palast entworfen, den er ihm bauen wollte.
Der zwölften Apostelfigur, bei der es sich wiederum um einen Gipsabdruck handelt, fehlt das Attribut. Es muß sich um Simon Zelotes handeln, den Bruder des Judas Thaddäus. Auch wenn sein Martyrium in den Legenden nicht genau beschrieben wird, hat es sich ab dem 13. Jahrhundert eingebürgert, ihn mit einer Säge abzubilden.
Das Retabel entstand kurz vor der Reformation, in der Zeit um 1500 oder in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts, im niedersächsischen Raum, vielleicht in Braunschweig oder Hildesheim. Jede genauere Datierung bleibt auf der Ebene bloßer Spekulation, ebenso wie alle Versuche, das Stück einer bestimmten Schnitzwerkstatt zuzuschreiben.
Ebenso unbekannt ist, wer dieses Altarretabel gestiftet hat - es könnten Mitglieder der Familie von Saldern gewesen sein. Es läßt sich noch nicht einmal mit letzter Sicherheit beweisen, daß es tatsächlich für die Kirche in Salder angefertigt worden ist. Viele Fragen zu diesem Stück müssen unbeantwortet bleiben.
Gerade in den Jahrzehnten vor der Reformation hatte das Stiftungswesen seinen Höhepunkt erreicht. Kriege und Seuchen bedrohten Wohlstand, Gesundheit und Leben eines jeden. Die Menschen lebten in ständiger Furcht und waren der Ansicht, die Endzeit stände nahe bevor.
Wer es sich nur irgend leisten konnte, strebte danach, durch gute Werke etwas für sein Seelenheil zu tun. Gerade in den wohlhabenden Kaufmannsstädten wurden zahllose Ausstattungsgegenstände für Kirchen gestiftet, bis die Kirchen mit einer Flut von Kunstwerken angefüllt waren.
Die große Nachfrage führte zur Gründung von unzähligen Bildhauer- und Malerwerkstätten, die sich auf Altäre und ähnliches spezialisierten und, oft auf beachtlichem handwerklich-künstlerischem Niveau, solche Stücke geradezu in Massenproduktion herstellten. Manche von diesen Werkstätten haben in der Kunstgeschichte Weltruhm erlangt, man denke etwa an Namen wie Veit Stoß oder Tilmann Riemenschneider. Viele sind jedoch namenlos geblieben.
Aus einer dieser weniger bekannten Werkstätten, die vielleicht nicht die ganz große Kunst, aber doch gut gestaltete Bilder und solide handwerkliche Arbeit geliefert haben, dürfte der Schnitzaltar von Salder stammen.
Nirgendwo haben sich so viele sakrale Kunstwerke aus dem späten Mittel-alter erhalten wie gerade in den lutherischen Kirchen Nord-, Mittel- und Ostdeutschlands.
Während die calvinistische und zwinglianische Reformation das alttestamentliche Bilderverbot (2. Mose 20,4) streng befolgte und alle Bildwerke radikal aus den Kirchen entfernte, betrachtete Luther die Bilder als zu den "Adiaphora", den Nebendingen gehörig, die geduldet werden konnten, solange kein Missbrauch damit getrieben wurde.
Gleiches galt für Priestergewänder, steinerne Altäre und Kerzen als Altarschmuck. Die Bilderstürme lehnte Luther ab. Entschieden wandten sich jedoch auch die Lutheraner gegen den Kult um Heiligen- und Marienbilder sowie Reliquien, wie er in der spätmittelalterlichen katholischen Kirche üblich war. Bilder sollten zur Bildung der Unwissenden dienen, zur Veranschaulichung des Heilsgeschehens und zur Erinnerung an das Beispiel der Heiligen.
In diesem Sinne, so die lutherischen Theologen, beförderten Bilder die Andacht der Gläubigen. Jede Art der Anbetung und Verehrung von Bildern wurde hingegen kategorisch abgelehnt. Ein lutherischer Christ benötigt keine Bilder, er kann auf sie verzichten, doch er kann sie im beschriebenen Sinne verwenden. Als Bildthemen kommen daher vor allem Christusdarstellungen sowie Szenen aus dem Alten und Neuen Testament in Frage.
Bilder verlieren ihre kultische Bedeutung, aber Luthers Lehre weist ihnen eine neue Aufgabe zu: Bilder begleiten und unterstützen die Verkündigung des Evangeliums, sie sind aber dem Wort und dem Sakrament untergeordnet.
Ein Flügelaltar wie der Saldersche konnte demnach nach der Einführung der Reformation ohne weiteres in der Kirche verbleiben, zumal darauf keine Heiligen dargestellt sind, sondern nur Szenen und Figuren aus dem Neuen Testament.
Sein Bildprogramm mit der Kreuzigungsszene und den zwölf Aposteln passte problemlos in das Konzept der evangelisch-lutherischen Lehre. Wahrscheinlich stand er noch das ganze 16. und 17. Jahrhundert hindurch in der alten Kirche, bis diese schließlich 1709 abgebrochen wurde.
Es ist anzunehmen, dass er in der neuen Kirche nicht wieder aufgestellt wurde, sondern nach der Beendigung der Bauarbeiten zusammen mit dem Kreuz auf dem Dachboden eingelagert und vergessen wurde...